Zwentendorf 2.0 – Kein Kampf gegen Windräder

Von beiden Seiten schreiben mir Menschen ins Gesicht. Sie haben eine Meinung. Eine Meinung die sie mir unbedingt kundtun müssen. Ist sie besonders qualifiziert? Nein. Ist sie besonders einfallsreich? Nein. Ist sie besonders überzeugend? Nein. Und dennoch, denken viele das immer selbe Argument wie das Essen von gestern wiederkäuen zu müssen.

Die Kritik an generativen Sprach-, Ton und Bildmodellen wird immer wieder gleichgesetzt mit den Arbeiter*innen die ihre Schuhe in die Getriebe von Industriemaschinen warfen, um gegen die Industrialisierung zu protestieren. Es wird argumentiert, dass dieser Protest einerseits Zwecklos war, weil sich der Fortschritt nicht aufhalten ließe und andererseits dumm war, weil die Industrialisierung doch so viel Wirtschaftsleistung und Wohlstand gebracht hätte. Bei den generativen Modellen wäre dies doch ähnlich.

Kaum wird die Ironie dieses Vergleichs erkannt. Denn langfristig sollten die damaligen Streiker*innen recht behalten. Heute erkennen wir die negativen Folgen der Industrialisierung. Die internationale Staatengemeinschaft trifft sich inzwischen jährlich zur COP1, um eine dieser negativen Folgen zu besprechen und Strategien dagegen zu finden. Das Thema ist auf der höchsten politischen Ebene angelangt.

Dennoch werden die damaligen Bedenken von Befürworter*innen generativer Modelle kleingeredet um damit gleichzeitig auch die heutigen Bedenken zu delegitimieren. Es wird also eine Auseinandersetzung mit der inhaltlichen Kritik vermieden, mit dem Argument, dass jegliche Regulierung oder gar die Abkehr völlig zwecklos wären. Dabei gibt es zahlreiche historische Beispiele in denen der Widerstand gegen technische Entwicklungen erfolgreich war.

Zwentendorf ist wohl eines der berühmtesten österreichischen Beispiele dafür! Zahlreiche Aktivist*innen konnten mit ihren Bedenken damals eine politische Debatte anstoßen, die in einer der wenigen Volksabstimmungen mündete. Das Ergebnis? Das Atomkraftwerk wurde verhindert und wenig später mit dem Bundesgesetz über das Verbot der Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorgung in Österreich gesetzlich besiegelt. 20 Jahre später sogar verfassungsgesetzlich abgesichert.

Das Spannende trotz des knappen Ausgangs sah sich die Bevölkerung fast 10 Jahre später durch Tschornobyl bestätigt. Mit Fukushima begann sogar ein weltweiter Trend gegen die Atomenergie. Heute kommt Österreich sogar eine Vorbildrolle zu und Energiepolicyforscher*innen aller Welt studieren das österreichische Beispiel, wie man ohne Atomenergie und ohne große Vorkommen von fossilen Energieträgern den Energiebedarf strukturell decken kann. Im Endeffekt war dieser Protest nicht nur erfolgreich, er hat sich langfristig auch bewährt. Aller Propaganda zum Trotz!

Kronstorf ist Zwentendorf 2.0, ein Demoschild, das von einem Aktivisten in die Luft gehalten wird. Rings herum sind weitere protestierende Menschen. Man sieht ein weiteres Schild mit Googlhupf? Nein Danke, im Stil der Antiatom Sticker.
Kronstorf ist Zwentendorf 2.0 © Global 2000

Gesellschaftlicher Protest ist also nicht zwingend zwecklos. Widerstand ist nicht zwecklos. Auch wenn dieses Mantra von den Befürworter*innen der generativen Modelle wie das Mantra der Borg, die nur ihrer Borgkönig*in folgen, wiederholt wird. Entschuldigung für diese Star Trek Metapher, aber ich konnte mir diese, aufgrund der Manipulationsfähigkeit generativer Modelle im Sinne ihrer Erschaffer*innen, kaum ersparen.

Das Beispiel Zwentendorf ist dabei nur eines von vielen Beispielen bei denen eine Technologie, die das Prädikat des Fortschritts genoss, nicht dauerhaft in unsere gesellschaftlichen Praktiken übernommen wurde. Ein anderes sind etwa der Einsatz von FCKWs. Ab den 1930ern galten diese als Allheilmittel für alle möglichen technischen Probleme und Herausforderungen. Ob als Kältemittel z.B. in Kühlschränken, als Treibgas in Sprühdosen oder als Putzmittel. Doch in den 1970ern wendete sich das Blatt, als die ozonzerstörende Wirkung von FCKWs erkannt wurde. Es folgte eine Welle von Verboten und eine internationale Ächtung des Einsatzes2.

Man könnte noch zahlreiche weitere besser belegte Beispiel wie das Verbot von DDTs3, oder auch schlechter belegte Bespiele wie Legenden aus der Antike4, anführen. Aber ich denke, der grundsätzliche Punkt ist klar. Als Gesellschaft können wir uns entscheiden welche Praktiken wir anwenden. Manchmal kann man eine Technologie durch eine andere ersetzen. Wollen wir etwa erneuerbare Energie, fossile CO₂-arme Energie oder fossile CO₂-intensive Energie? In anderen Fällen können wir uns entscheiden wie wir eine Technologie einsetzen. Erlauben wir bspw. PKWs in der Innenstadt oder gehen wir den Pariser Weg? Oder verändern wir unser Verhältnis zum PKW und ersetzen es zum Teil durch Fahrräder wie in Amsterdam? Und manchmal kann man als Gesellschaft eben auch die Sinnhaftigkeit einer Technologie zur Gänze hinterfragen, dazu könnte man nun die Liste aller bis heute ungenutzter abgelaufener Patente durchforsten.

Bevor wir also dem Irrglauben hinterherlaufen, dass wir als Gesellschaft keine Entscheidungsfähigkeit haben und jede neue Technologie widerstandslos annehmen müssen, lasst uns diese Debatte wieder auf ein ehrliches Feld zurückhohlen. Welchen Nutzen haben generative Modelle? Kann das was generative Modelle machen auch anders bewerkstelligt werden? Was sind die Folgen des Einsatzes von generativen Modellen für uns als Menschen, für die Gesellschaft und für die Umwelt? Wer bestimmt über den Einsatz von diesen Modellen? Sollten wir ein „Nein“ zum Googlehupf in Kronstorf sagen? Und hat Denken nicht einen Wert an sich, dessen Schönheit wir uns als denkende Wesen bewahren und bewusst trainieren sollten?

Dieser Text wurde 100%ig von Menschenhand geschrieben. Dafür stehe ich mit meinen Rechtschreibfehlern.

  1. United Nations Climate Change Conference ↩︎
  2. Kurzfassung von Wikipedia: Die Geschichte und Verwendung von FCKWs ↩︎
  3. Das Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan ↩︎
  4. Beispielsweise die Legende um Vitrum Flexile ↩︎